Am Landeswettbewerb »Gestaltete Gesellenstücke« Baden-Württemberg nahmen im November 2014 über 50 Gesellen teil und setzten selbstbewusst formale Akzente. Martin Schwer war in der Jury dabei und interpretiert die Ergebnisse.
Martin Schwer, Furtwangen
Wenn Junge Schreiner Bücher bauen, was lässt sich daran ablesen? Dass sie gestalterisch ihre Hausaufgaben gemacht haben, hat sich gerade in den letzten Jahren immer wieder bestätigt. Trends werden aufgegriffen, im Möbelhandel angesagte Formgebung ist nicht nur bekannt, sie wird auch beherrscht und variiert. Auf diesem Niveau kann Spielraum für Neues entstehen, Luft nach oben für Konzepte jenseits reiner Funktion und Vernunft. Wenn plötzlich die Schreibtischplatte auf einem symbolhaften Bücherstapel ruht, zeugt dies von neuem Selbstbewusstsein und einer ungewohnten Leichtigkeit im Umgang mit Form und Inhalt, auch wenn der sichere Hafen der Handwerklichkeit noch nicht verlassen wird. Man löst sich nicht nur im handfesten Material vom Traditionellen, ahnt, dass auch inhaltlich Holz allein nicht glücklich macht. Was heute originell erscheint, hat – gut gemacht – das Zeug zum Original. Es zeigt sich, dass Dinge dann gelingen, wenn sie mit dem Lebensumfeld des Entwerfers in Zusammenhang stehen, seinem Alltag entlehnt sind und dadurch Zeit zum Reifen haben. Drehen und Wenden ergibt die beste Kruste und die sticht zuerst ins Auge. Der Schreiner, der im asiatischen Stil entwerfen will, muss scheitern – es sei denn, er geht mal für einige Jahre dorthin, wo er formal gerne wäre. Die jungen Entwerfer besinnen sich nach und nach auf ihren eigenen Weg, und es ist spannend, sie dabei zu beobachten. Wir freuen uns auf neue Originale!